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Zwangsarbeiter in Rheinbach - ein Zwischenbericht | Drucken |  E-Mail

1. Die Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft" ¹

In der Zeit der NS-Herrschaft wurden im Deutschen Reich und den besetzten
Gebieten ca. 8 Millionen Zwangsarbeiter unter oftmals inhumanen Bedingungen
eingesetzt. Am 6. Juli 2000 verabschiedete der Deutsche Bundestag das Gesetz
zur Errichtung der Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft". Mit dieser
Stiftung wollen die Unternehmen und die Bundesrepublik Deutschland ein Zeichen
ihrer historischen Verantwortung für diese Geschehnisse setzen und die
bisherigen Wiedergutmachungsregelungen ergänzen. Ziel der Stiftung ist es,
Zwangsarbeitern und anderen NS-Opfern unbürokratisch zu helfen.

Leistungen sind vor allem vorgesehen für Antragsteller,

die in einem Konzentrationslager inhaftiert waren und zur Arbeit gezwungen
wurden

  • die aus ihrem Heimatstaat in das Gebiet des Deutschen Reiches in den
    Grenzen von 1937 oder in ein vom Deutschen Reich besetztes Gebiet
    deportiert wurden, zu einem Arbeitseinsatz in einem gewerblichen
    Unternehmen oder im öffentlichen Bereich
    gezwungen und unter anderen
    als den oben genannten Gründen inhaftiert oder haftähnlichen Bedingungen
    oder vergleichbar besonders schlechten Lebensbedingungen unterworfen
    waren.

Das Gesetz enthält eine Öffnungsklausel, die es den mit der Durchführung
beauftragten Partnerorganisationen erlaubt, auch anderen Opfern
nationalsozialistischer Unrechtsmaßnahmen Hilfe zu gewähren, insbesondere
ehemaligen Zwangsarbeitern in der Landwirtschaft.

Kriegsgefangenschaft begründet keine Leistungsberechtigung.

Das Gesetz sieht die Antragsbearbeitung und Auszahlung durch
Partnerorganisationen in den einzelnen Ländern vor. Z. B. müssen sich
Antragsteller aus der Republik Polen an die Stiftung "Deutsch-Polnische
Aussöhnung", ul. Krucza 36, 00-921 Warschau, wenden.

Die Antragsfrist beläuft sich auf acht Monate nach Inkrafttreten des Gesetzes
(August 2000). Die Leistungsberechtigung ist vom Antragsteller durch Unterlagen
nachzuweisen.

2. Zwangsarbeiter in Rheinbach

Leider muss festgestellt werden, dass heute keine relevanten städtischen
Unterlagen aus der Zeit vor 1945 mehr erhalten sind. Sowohl eine allgemeine
Meldekartei als auch eventuell vorhandene Listen sind nach 1945 vernichtet
worden. Nur Akten, die nach 1945 erstellt wurden, konnten deshalb unter dieser
Fragestellung untersucht werden. Spärliche, aber wichtige Informationen wurden
in Schul-, Pfarr- oder Klosterchroniken gefunden. Daneben sind einzelne Fälle
bekannt, die entweder durch Anfragen von Betroffenen oder durch Mitteilungen
von anderen Privatpersonen an das Licht der Öffentlichkeit kamen.

Im Kreisarchiv sind keine Hinweise vorhanden. Ebenso besitzt das Arbeitsamt Bonn, das über seine Außenstelle Rheinbach die Zwangsarbeiter vermittelt hat, keine Unterlagen mehr aus dieser Zeit. Die AOK Rheinland in Bonn hat Unterlagen, die aber nach Namen geordnet sind. Man muss also den Namen des Zwangsarbeiters bzw. des Arbeitgebers wissen, um recherchieren zu können.

Die folgenden Angaben sind weitgehend Auszüge aus: Merkblatt zu Leistungen anehemalige Zwangsarbeiter,hrsg. vom Bundesministerium der Finanzen.Der beauftragtedes Bundeskanzlers für die Stiftung "Erinnerung, VerantwortungundZukunft". Hervorhebungen durch das Stadtarchiv Rheinbach.

a. Verzeichnis der in Stadt und Amt Rheinbach lebenden Ausländer Mitte Juni 1945

Drei Monate nach Ende der Kriegshandlungen in Rheinbach, am 14.6.1945, verfügte der Landrat des Landkreises Bonn im Auftrag der Militärregierung, eine Aufstellung aller hier lebenden Ausländer abzuliefern. Daraufhin wurden für Rheinbach Stadt und die Gemeinden des Amtes Rheinbach solche Listen erstellt.

Es wurden gezählt:

Rheinbach Stadt:       19                    Neukirchen:    8                      Queckenberg:            12
Flerzheim:                  29                    Niederdrees:   9                      Ramershoven:           16
Hilberath:                    3                      Oberdrees:     9                      Todenfeld:                  1
Wormersdorf:             24

Insgesamt waren es also 130 Personen. Darunter waren ein Italiener, ein Jugoslawe, zwei Russen, drei Ukrainer und elf Niederländer. Die übrigen 112 Menschen waren Polen. Der Anteil der Frauen war niedriger als 20 oder 1/6 der Gesamtzahl.

Leider geht aus den Statistiken nicht der Status der Ausländer hervor. Doch ist anzunehmen, dass fast alle als Zwangsarbeiter eingesetzt wurden. In den Statistiken für Rheinbach und Flerzheim sind die Aufenthaltsorte der Personen genau angegeben (Rheinbach: Namen der Haushaltsvorstände, Flerzheim: Hausnummern). Hinweise auf Sammelunterkünfte oder Sammellager gibt es in dieser Liste nicht. Es ist anzunehmen, dass in den Jahren vor 1945 deutlich mehr Zwangsarbeiter eingesetzt wurden. Eine große Abwanderung von Arbeitern in der Zeit von Januar bis Juni 1945 ist nicht anzunehmen, da vermutlich keine Sammellager bestanden und wohl fast alle Zwangsarbeiter in landwirtschaftlichen Betrieben eingesetzt waren, in denen es, im Vergleich zu der Situation von Zwangsarbeitern in der Industrie, genug zu essen und eine gewisse soziale Anbindung an die hiesige Bevölkerung gab.

Da in Stadt und Land Rheinbach das Haupteinsatzgebiet die Landwirtschaft war, erklärt sich auch die Tatsache, dass in der Stadt Rheinbach im Verhältnis zur Einwohnerzahl relativ wenige Ausländer gezählt wurden. Dagegen ist der Anteil in den wirtschaftlich starken, aber landwirtschaftlich geprägten Gemeinden der Niederung recht hoch.

b. Verzeichnis der Verstorbenen, die auf dem Ehrenfriedhof beerdigt wurden

In Bezug auf das Thema Zwangsarbeiter wurden auch die zwischen 1946 - 1963 erstellten Gräberlisten für den Ehrenfriedhof analysiert.

Es konnten 30 Personen identifiziert werden, die nicht Soldat waren oder zivil beschäftigte Ausländer aus nichtosteuropäischen Staaten waren. Die genaue Stellung (Kriegsgefangene oder freiwillige ausländische Zivilarbeiter) der zumeist aus Polen, Russland und der Ukraine stammenden Menschen ist aber nicht notiert. Auch fehlen Angaben zur Todesursache. Bei 14 der bestatteten Osteuropäer ist als Beruf Landarbeiter angegeben. Bei einer Person findet sich die Bezeichnung Hilfswilliger, bei vier Personen die allgemeine Angabe "zivil". Bei neun Personen ist keine Berufsangabe angegeben, eine Ukrainerin wird als Hausangestellte bezeichnet, ein Pole als Landwirt. Ein Hinweis auf Einsatz im industriellen Bereich gibt es bei keinem der Verstorbenen.

c. Weitere Quellen

An dieser Stelle seien nun verschiedene andere Quellen wiedergegeben, die zur Beantwortung unserer Fragestellung herangezogen werden konnten. Sie sollen hier zunächst unkommentiert oder ohne Einschätzung auf ihren Wahrheitsgehalt entweder im Original abgedruckt oder zusammengefasst werden.

Schulchronik Queckenberg
"28.5.1940. Die vielen Einberufungen zur Wehrmacht lassen doch deutlich einen Mangel an Arbeitskräften verspüren. Wenn auch die Schuljugend da einspringt, wo sie mit ihren jungen Kräften etwas leisten kann (z. B. bei der Bearbeitung von Rübenfeldern), so reicht das doch nicht mehr aus. Es sind darum, wie anderenorts bereits geschehen, von den zuständigen Stellen polnische Kriegsgefangene beantragt worden, deren Mithilfe die Sicherstellung der Ernährung ermöglichen soll."

"22.6.1940. Seit einiger Zeit sind polnische Kriegsgefangene in unserer Gemeinde, um den landwirtschaftlichen Arbeitskräftemangel Vorschub zu leisten. Die Familien, bei denen die Polen tätig sind, drücken sich befriedigend über die Arbeitsleistung der Gefangenen aus."

Schulchronik Ramershoven 1941/42
"Polnische Kriegsgefangene treten als Arbeitskräfte in der Landwirtschaft in Erscheinung."

Schulchronik Wormersdorf
Hier werden bereits 1940 Zwangsarbeiter erwähnt. Für 1942 finden wir folgende Notiz:
"Arbeitshilfskräfte und zwar 50 polnische Gefangene und 20 Ukrainermädchen wurden den landw. Betrieben zugeteilt, dagegen 180 Männer zu den Waffen einberufen sind."

Pfarrchronik St. Martin Rheinbach
Zu den Bombenangriffen 1944/45 erwähnt die Chronik:
"Eine Ukrainerin, die im Dienste des Hauses stand, wurde ebenfalls getötet. Sie wurde am folgenden Tage von ihren Landsleuten nach der Sitte ihrer Heimat auf dem hiesigen Friedhof beerdigt."

Pfarrchronik Neukirchen
Für das Jahr 1940 berichtet die Chronik:
"Seit Mitte April arbeiten in der Gemeinde einige polnische Kriegsgefangene, die in der Sürst ihr Lager haben. Sie fallen durch ihre Frömmigkeit auf. Sie dürfen nicht in die hl. Messe kommen."

Für 1944 wird notiert:
"Durch die Aushilfe seitens des Hochwürdigen Herrn Kaplan Peruche (?) aus Bonn war es möglich, als 4. Hl. Messe am 1. Sonntag im Monat eine hl. Messe für die Polen abzuhalten, die nun an diesem Sonntag erlaubt ist. Weihnachten und Ostern (Pfingsten) gingen viele zur hl. Kommunion nach erteilter Generalabsolution. Am Gottesdienst nahmen auch Ukrainer und Sowjetinnen teil."

Klosterchronik Maria Hilf Rheinbach:
Für das Jahr 1941:
"Da der Gärtner eingezogen wurde, bekamen wir einen Polen zum Arbeiten, der sehr treu und fleißig war."

Für das Jahr 1945, Februar:
"Nun einige Beherzte blieben, alle anderen suchten erneut Zuflucht in Wesseling. Der Keller des Hauses diente 3 Schwestern, 2 Mädchen und 2 Polen als ständiger Aufenthalt bei Tag und Nacht."


d. Einzelschicksale

Zwangsarbeiter B.
Der ca. 1914 geborene Pole arbeitete in Rheinbach. In den 80er Jahren nahm er wieder Kontakt mit der Rheinbacher Familie auf, und es entwickelte sich ein reger Kontakt. B. hatte anscheinend seine Arbeitgeberfamilie in bester Erinnerung. An den Sohn der Familie schrieb er 1985: "Sie (Herr und Frau K.) waren für mich wie Eltern." Bis zum 15. August 1944 war B. in Rheinbach.

Zwangsarbeiter M.
geb. 1900, war polnischer Landarbeiter in Flerzheim von 1940 bis zum 27. April 1942. Seine Ehefrau und zwei seiner Kinder sind laut Aussagen eines Sohnes bei der Bombardierung Meckenheims gestorben.

Zwangsarbeiter C.
Der 1927/28 geborene Pole war in der Zeit von April 1942 bis März 1945 in Flerzheim beschäftigt.

Zwangsarbeiter J.
Der Pole J. war 1943 in einem Rheinbacher Landproduktengeschäft tätig. Nach Annährungsversuchen und Drohungen gegenüber seiner Arbeitgeberin wurde J. festgenommen und zum Ortsgruppenleiter und Bürgermeister geführt. Nach 1947 protokollierten Zeugenaussagen wurde J. so geschlagen, dass ihm das Ohr stark blutete. Zudem wurde ihm, so J. selbst, mit Aufhängen gedroht. In der Nachkriegszeit lebte J. in einer Nachbarstadt.

Zwangsarbeiter S., T. und W.
Die Ukrainer S. und T. sowie der Weißrusse W. waren im Januar 1945 in Rheinbach beschäftigt. S. war bis dahin drei Jahre bei einem Rheinbacher Landwirt beschäftigt, der ihn wie folgt beurteilte: "Er arbeitete fleißig und konnte fast fließend deutsch sprechen." Die drei Zwangsarbeiter sind im Januar 1945 öffentlich hingerichtet worden. Aus einem 1949 erstellten Vernehmungsprotokoll des damaligen Arbeitgebers von S. geht folgendes hervor: Seit Sommer 1944 hatte Rheinbach stark unter Fliegerangriffen zu leiden. Für die jeweils folgenden Aufräumungsarbeiten wurden immer wieder die in der Landwirtschaft tätigen Zwangsarbeiter herangezogen. In diesem Zusammenhang wurde den drei Zwangsarbeitern vorgeworfen, sie hätten gestohlen. Bei dem Ukrainer S. fand sich dann auch etwas Damenwäsche, die S. laut Protokoll wahrscheinlich seiner Freundin, einer Ukrainerin, schenken wollte. Am 26. oder 27. Januar 1945 wurden die drei Zwangsarbeiter im Stadtpark aufgehängt. Alle in Rheinbach und den umliegenden Dörfern wohnenden Polen und Ukrainer mussten zur Abschreckung der Hinrichtung beiwohnen.

Die Gräber der Hingerichteten befinden sich heute auf dem Ehrenfriedhof in Rheinbach.

Zwangsarbeiter M.
M. war in einem Lager für Kriegsgefangene untergebracht. Dieses Lager für 24 Gefangene befand sich in der Villa Maria an der Ecke Ramershovener/Koblenzer Str. Der damals ca. 25jährige Pole M. wurde in der Landwirtschaft beim Hermann-Josef-Kollegs eingesetzt. Morgens wurde er von einem Wachmann gebracht und abends wieder abgeholt. Ein Zeitzeuge berichtet, dass im September 1944 die polnischen Kriegsgefangenen vor den anrückenden Alliierten evakuiert wurden. M. versteckte sich und entzog sich der Evakuierung. Einige Tage später tauchte er bei einer Rheinbacher Familie auf, die ihm Essen und Unterkunft gab. In der Nacht zog er weiter und seine Spur verlor sich.

e. Die Situation nach dem Zweitem Weltkrieg

Nach dem Einmarsch amerikanischer Truppen im März 1945 war die Situation in unserer Gegend von allgemeiner Unsicherheit geprägt. Nicht wenige "Displaced Persons" (DPs, v. a. zwangsverschleppte ehemalige russische und polnische Zwangsarbeiter) rotteten sich zu bewaffneten Banden zusammen, versteckten sich im Kottenforst und überfielen alleinliegende Gehöfte. Nicht wenige Deutsche, auch Rheinbacher kamen dabei ums Leben. Eigentlich sollten alle DPs des Raumes Bonn in Duisdorfer Kasernen konzentriert werden und auf ihre Rückführung warten. Bis zu 20.000 Personen waren in Duisdorf untergebracht. Nach Räumung der Artilleriekaserne von Russen, warteten im September 1945 noch 5300 Polen auf die Rückführung.

In der Pfarrchronik Ramershoven findet sich folgender Hinweis:

"Bei Gelegenheit der Dorfkirmes hielten die Polen Tanzmusik ab. Keiner von hier hat sich daran beteiligt. Die amerikanische Besatzung, die seit Mai in dieser Zone war, wurde im Juli durch die britische abgelöst. Weil noch viele Russen, die in den Rüstungsbetrieben tätig waren, noch nicht in die Heimat kommen konnten, nimmt die Unsicherheit immer mehr zu. Fast jede Woche hört man von Überfällen im Kottenforst."

In der Pfarrchronik Neukirchen ist für 1945 hierzu zu lesen:

"In der Nacht vom 18. auf den 19.10. war wieder ein Überfall auf Berscheid. Die Räuber zogen aber, nachdem sie auf die Häuser geschossen hatten, wieder ab. Die Leute schrieen, die Hunde bellten, in Neukirchen wurde geblasen, in Irlenbusch die Sirenen in Gang gesetzt und in der Kirche geläutet."

Andererseits blieben auch einige ehemalige Zwangsarbeiter in Rheinbach, arrangierten sich mit der einheimischen Bevölkerung und wurden hier heimisch.

3. Aufgaben des Stadtarchivs Rheinbach heute

Die Stadt Rheinbach fühlt sich ihrer Geschichte verpflichtet. Dazu gehört auch, den ehemaligen Zwangsarbeitern unbürokratisch zu helfen und das Thema "Zwangsarbeit in Rheinbach" zu dokumentieren. Aufgrund der oben geschilderten Quellenlage ist im Stadtarchiv nur wenig Material vorhanden. Deshalb bitte ich hiermit darum, dass sich Zeitzeugen an das Archiv wenden und ihr Wissen zu diesem Thema zur Verfügung stellen. Die Anonymität der Auskunftgebenden, der eingesetzten Arbeiter sowie der damaligen Arbeitgeber wird gewahrt bleiben. Es geht nur darum, ein Gesamtbild zum Thema "Zwangsarbeit in Rheinbach" zu entwerfen und ehemaligen Zwangsarbeitern bei der Antragsstellung zur Entschädigung soweit zu helfen, dass für diese ein Einsatz in Rheinbach, wenn er belegt werden kann, auch bescheinigt wird.

Der Bürgermeister
- Stadtarchiv -
Dietmar Pertz M. A.